Lebensrisiko (1995)

Über das Wagnis einen Telefonanschluss zu besitzen

Dieser Text beruht auf einer wahren Geschichte und gibt Einblick in die ersten Jahre nach der Wiedervereinigung, als Ostdeutsche die Segnungen des Westens erfuhren. Einziger Unterschied: Die echte Corinna F. lebt noch.


Corinna F., eine junge Frau von fünfunddreißig Jahren, war in ihrer Wohnung beraubt und ermordet worden. Obwohl sie den Täter nachgewiesenermaßen nicht kennen konnte, hatte sie ihm leichtsinnigerweise die Tür geöffnet. Warum sie, die allein in einer unpersönlichen Stadtwohnung lebte, einem Schwerverbrecher Zutritt zu ihrer Wohnung gewährt und sich ihm offenbar kampflos ergeben hatte, blieb ungeklärt. Die Polizei stand vor einem Rätsel.  Die Umstände, die zum Zusammentreffen von Täter und Opfer geführt hatten, waren in so unglaubhafter Weise vom Zufall geprägt, dass ein Beamtenhirn den Weg kaum nachvollziehen konnte.
   Corinna war Chefin eines Übersetzungs- und Dolmetscherbüros, hatte bereits einiges von der Welt gesehen, ihre Arbeit war ihr Leben, sie verdiente gut, sah gut aus, es war kein Mangel an interessanten Männern, auch wenn keiner dabei war, mit dem sie hätte zusammenleben mögen. Alle, die in Frage kamen, waren entweder zu jung, zu alt, zu fern oder zu verheiratet. Außerdem hatte sie sich gerade erst vor einem Jahr von ihrem Mann getrennt und hatte keine Eile sich wieder zu binden.
   Der erste Schritt, der Voraussetzung für Corinnas gewaltsames Ende werden sollte, war die Gründung eines Eros-Centers am Rande ihres Wohngebiets. Zunächst hatten sich die zumeist wohlsituierten Bürger über die Bar mit dem Namen Aphrodite aufgeregt. Da das Etablissement jedoch auf absolute Diskretion achtete, hatte man sich bald an das Gewerbe gewöhnt und duldete es mit schiefem Lächeln. Das Center warb in einschlägigen Tageszeitungen, wie auch der WILDZEITUNG, mit zahlreichen Einzelannoncen um Besucher. Niemand ahnte, mit welchem Echo. Erst, als der Setzer der Wildzeitung nach einer durchzechten Nacht einen Zahlendreher produzierte, sollte Corinna eine Ahnung vom Ausmaß des Werbeerfolgs bekommen.
   Alles begann recht harmlos. Corinna kam von einer Dienstreise zurück.
   Sofort klingelte auch das Telefon und sie ging mit sachlich-kühler Businessstimme ran: "Ja, hallo?"  
   Schweigen am anderen Ende.
   "Hallo? Hallo, würden Sie sich bitte melden?"
   Nun eine unsichere männliche Stimme: "Ja, hier ist der Frank, wo kann man dich denn treffen?"
   Corinna konnte sich an keinen Frank erinnern. "Frank?", fragte sie. "Ich weiß im Moment leider nicht, wer Sie sind, entschuldigen Sie. Sagen Sie mir bitte Ihren Nachnamen?"
   Worauf der Anrufer auflegte. Kaum zwei Minuten später erneutes Klingeln.
   Corinna: "Ja, hallo? Hallo! Ist jemand dran?"
   Keine Reaktion, Auflegen.
   Wieder wenige Minuten später: Diesmal bestes Sächsisch. "Ja, ich ruuwe wäschn där Annongse an."
   Corinna fragte sich, wieso er sie da privat anrief. In ihrer Firmenanzeige stand doch die Dienstnummer. Hatte die neue kleine Sekretärin etwa ihre Privatnummer an Kunden weitergegeben? Das würde sie kein zweites Mal tun!
   "Ja, wer hat Ihnen denn meine Nummer gegeben", fragte sie leicht gereizt. Worauf auch der Sachse auflegte.
   Als beim nächsten Klingeln ein Mann mit hechelndem Atem sagte: "Na, du süße Blonde, wann sehn wir uns denn mal?" war Corinna klar, dass sich hier einer verwählt hatte.
   Auch er bekam einen Schreck und legte auf.
   Corinna hatte nun genug vom ständigen Geklingel und beschloss, den Anrufbeantworter einzuschalten, um nur noch auf erwünschte Anrufe reagieren zu müssen. Außerdem war sie sowieso mit einer Freundin verabredet und musste sich noch fertig machen. Sie duschte, föhnte ihre Haare und zog sich ausgehfertig an. Unterdessen klingelte nahezu unentwegt das Telefon. Bevor sie jedoch den Anrufbeantworter abhören konnte, kam die Freundin sie auch schon abholen. Es wurde spät. Als sie nach Hause kam, ging sie sofort ins Bett, um für den nächsten Morgen fit zu sein. Sie hatte einen Firmenbesuch auf ihrem Programm stehen und musste sich darauf vorbereiten. Deshalb hörte sie auch an diesem Morgen den Anrufbeantworter nicht ab.
   Als sie es abends doch tat, erkannte sie, dass die seltsamen Männeranrufe von gestern im Zusammenhang miteinander standen. Es hatten etwa 15 unbekannte Männer eine Botschaft auf dem Band hinterlassen, dann war selbiges voll. Manche sprachen unsicher und zögernd, andere kurzatmig, wieder andere schwelgten offenbar in angenehmen Gedanken. Alle jedoch wollten eine verführerische Blondine treffen, kennen lernen oder gar weiteres. Corinna überlegte, ob sich da jemand einen Scherz mit ihr erlaubt hatte, aber es fiel ihr niemand ein, der Grund zu solch einem Tun haben könnte. Woher wussten die alle, dass sie blond war? War etwas mit ihrem Telefonanschluss nicht in Ordnung? Sie beschloss den Nächsten, der anrief, einfach zu fragen, woher er ihre Nummer hätte. Sie musste nicht lange warten, kaum hatte sie das Band abgehört, klingelte das Telefon erneut im Drei-Minuten-Takt.
   Zwei Anrufer legten sofort auf, als Corinna ihre Frage stellte. Sie war wohl zu direkt gewesen. Der Dritte, offenbar ein abgebrühterer Wessi mit guten Umgangsformen, legte nicht auf.       "Es tut mir Leid, Sie enttäuschen zu müssen", setzte Corinna an, "bitte legen Sie nicht gleich auf. Aber seit zwei Tagen rufen ununterbrochen fremde Männer bei mir an. Könnten Sie mir vielleicht verraten, woher die alle meine Nummer haben?"
   Der Mann am anderen Ende lachte, nicht mal unsympathisch. "Aus der Zeitung, natürlich", meinte er.
   "Und aus welcher?"
   "Der WILDZEITUNG."
   Corinna holte tief Luft: "Und... was steht da?"  
   "Warten Sie, ich les' Ihnen das gleich vor."
   Sie hörte es rascheln.
   "Ja hier: Blonde Versuchung, Montag bis Freitag, 10 bis 20 Uhr, und dann die Telefonnummer." Er las auch die vor. Es war Corinnas.
   Sie war entgeistert. "Das muss ich erst mal verdauen. Danke jedenfalls."
   Er lachte wieder: "Keine Ursache. Sind Sie sicher, dass Sie keine blonde Versuchung sind?"
   "Nicht für diesen Zweck, jedenfalls."
   "Schade. Ich hätt' Sie gern kennen gelernt."
   Das glaube ich, dachte Corinna, womöglich lernst du mich auch noch kennen, wenn du mal einen Dolmetscher brauchst.
   Nun, da sie wusste, dass ihre Nummer in der Annonce einer Prostituierten abgedruckt war, in einer der meistgelesenen Tageszeitungen, musste sie Maßnahmen zu ihrem Schutz ergreifen.
   Sie präparierte kurzerhand ihren Anrufbeantworter: "Hallo, sollten Sie meine Nummer aus der WILDZEITUNG haben, muss ich Sie leider enttäuschen. Ich bin weder blond noch will ich Sie versuchen, ich bin eine Person, die ihr Geld auf weniger einträgliche Weise verdient. Das Ganze ist ein Irrtum. Wenn Sie tatsächlich mit mir sprechen möchten, dann tun sie das bitte nach dem Piepton."
   So. Nun wären sie zwar verdutzt, würden sich aber hoffentlich ihre anzüglichen Botschaften verkneifen und das Band schonen. Wer sie kannte, wäre über den seltsamen Spruch erstaunt, würde aber wenigstens eine Nachricht hinterlassen können. Irgendwann würde das Geklingel sich schon geben, es gab ja genügend solcher Angebote in Blättern wie diesem.
   Dies allerdings war ein Trugschluss, denn die Anzeige war für einen Monat im Voraus bezahlt worden und erschien dreimal wöchentlich. Als der Ansturm von 50 bis 60 Bewerbern pro Tag sich partout nicht legen wollte, rief Corinna die WILDZEITUNG an.
   Eine weibliche Stimme reagierte auf Corinnas Geschichte mit sächsischem Phlegma: "Und wieso melden Sie sich da jetz erscht?"
   Gute Frage. Corinna stammelte Erklärungen, die sie selbst nicht recht überzeugten, obwohl sie wahr waren. Wenigstens erfuhr sie nun, dass reguläre Kundschaft die Anzeige aufgegeben hatte und dass der Chef der Anzeigenannahme im Urlaub war. Die wenig mitfühlende Dame versprach den Versuch, ein weiteres Erscheinen der fatalen zwei Zeilen zu verhindern. Was allerdings drei Tage dauerte.
   Etwas verschämt kaufte Corinna zum ersten Mal in ihrem Leben die WILDZEITUNG, um ihre Telefonnummer mit eigenen Augen in dem unfasslichen Kontext zu lesen. Am selben Tag traf sie ihren Versicherungsvertreter an einer Tankstelle. Der Mann, sonst immer eher hochachtungsvoll, betrachtete sie diesmal unverhohlen von Kopf bis Fuß und meinte, er habe sie vorgestern angerufen, um einen Termin mit ihr zu vereinbaren. Er wollte mit ihr über ihre Hausratversicherung sprechen, aber sie brauche wohl nun eher eine Rechtsschutzversicherung. Grinsen.
   Corinna musste ihm nun notgedrungen von dem Missgeschick erzählen, was er sichtlich genoss. Da entschloss sie sich, den Anwalt ihrer Firma zu befragen, vielleicht konnte man die WILDZEITUNG wegen Ehrverletzung verklagen.
   Der Anwalt hörte sich ihre Story an, zwar nicht so unverfroren grinsend, dazu war er zu wohlerzogen, in seinen grünen Augen jedoch glomm leichte Schadenfreude. Sie müsse umgehend den Spruch von ihrem Anrufbeantworter tilgen, da sie sich sonst zu der Anzeige bekenne. Er riet, zunächst eine neue Nummer zu beantragen und dies der Wildzeitung in Rechnung zu stellen. Er wolle inzwischen Strafanzeige gegen unbekannt stellen und Präzedenzfälle suchen. Sie musste ihm lassen, dass er dabei sehr kreativ vorging und das Äußerste aus der Geschichte rausholte. Dass sie ihre Nummer ändern sollte, ärgerte sie, zumal die Telekom dies erst nach weiteren 10 Tagen realisieren konnte. Eine neue Rufnummer bedeutete einen neuen Telefonbucheintrag in frühestens 400 Tagen, neue Briefköpfe, neue Visitenkarten und dergleichen. Dass es ein Fehler war, den so hilfreich-klärend scheinenden Spruch auf dem Anrufbeantworter hinterlassen zu haben, erkannte sie daran, dass sie jedem, der versuchte, sie privat anzurufen, eine Erklärung schuldig war. Also nahm sie nun, dem anwaltlichen Rat Gehorsam zollend, einen abschreckend unpersönlichen Spruch auf, der jedem normal veranlagten männlichen Anrufer mit wollüstigen Ambitionen den Appetit verderben musste.
   Nichtsdestotrotz wollte der Uwe sie mal knuddeln, Karl-Heinz hoffte auf lange Beine und wollte wissen, was es denn koste, ein Herr Bock wollte mit ihr über Sex sprechen. Der Detlef wollte ihr Alter erfahren und Ralf-Dieter versuchte gar einen Reim: Ihr süßen Schnecken, wann kann man euch mal... Und zwischendurch erlaubten sich Freundinnen Scherze, indem sie mit verstellter Stimme anfragten, ob die blonde Versuchung auch mit Frauen was anzufangen wüsste... In das darauffolgende schallende Gelächter konnte Corinna nur noch mühsam einstimmen.
   Etwa drei Wochen nachdem sie endlich ihre neue Telefonnummer erhalten hatte und nun buchstäblich niemand mehr anrief, erhielt sie einen Brief vom Leiter der Anzeigenabteilung. In genau fünf Zeilen bei gleichzeitig überdimensionalem Seitenrand, ließ er sie wissen, dass der bedauerliche Setzfehler ihm Leid täte. Corinna informierte ihren Anwalt. Der hatte augenblicklich jedes Interesse an dem Fall verloren. Da könne man nun gar nichts mehr machen. Es läge kein Straftatbestand vor. Corinna als juristisch unbedarfter Person leuchtete das nicht ein. Immerhin hatte sie genug Schaden genommen. Vier Wochen lang Telefonterror, Ehrverletzung, weil sie ja schließlich tatsächlich blond war und nicht alt und hässlich genug, um von vornherein nicht mit der Annonce in Verbindung gebracht zu werden. Sie hatte womöglich Kunden verloren, die sie nicht hatten erreichen können, von dem finanziellen Aufwand als Folge der neuen Rufnummer ganz zu schweigen.
   Ja, das sei alles bedauerlich, aber eben Lebensrisiko.
   Lebensrisiko?
   Ja. Wer ein Telefon habe, müsse auch mit Nummernmissbrauch rechnen.
   Na, danke.
   Lebensrisiko. Dieser Ausspruch erschien ihr so zynisch. Wütend schrieb sie nun einen Brief an die Anzeigenabteilung, der die Bitte um Erstattung der 100 DM für die Rufnummernänderung enthielt und in seiner ironisch-distanzierten Bestimmtheit ein Meisterwerk war. Zwei Tage später klingelte gegen Abend das Telefon.
   Eine fremde ölige Männerstimme: "Ja, hier ist Helmut."
   Bitte nicht schon wieder so ein liebeshungriger Tölpel... "Wer bitte?"
   "Von der WILDZEITUNG."
   Aha, na das ging ja schnell. Er wolle sich noch einmal persönlich entschuldigen und sehe ein, wie unangenehm das Ganze für sie gewesen sei. Ob er ihr einen Präsentkorb senden oder mal mit ihr in ein teures Restaurant gehen dürfe.
   Corinna atmete tief ein. Nein, Geld war ihr da doch lieber, womöglich enthielt der Präsentkorb ein Pfund Nugatpralinen, die mochte sie nämlich überhaupt nicht. Und was ein kleiner WILDZEITUNGs-Angestellter unter einem teuren Restaurant verstand, wollte sie erst gar nicht wissen.
   Herr Helmut vergaß nicht, darauf hinzuweisen, dass sie keinen Rechtsanspruch auf die geforderten 100 Mark habe. Natürlich nicht, wieso auch, es war ja schließlich Lebensrisiko.  
   Damit schien die Geschichte von der blonden Versuchung beendet. Was folgte, konnte Corinna nicht ahnen, weshalb ihr gewaltsames Ende unabwendbar war. Schon kurze Zeit später vergab die Telekom ihre alte Nummer neu. Obwohl Corinna alle wichtigen Personen von der neuen informiert hatte, benutzten manche versehentlich die alte Nummer, an die inzwischen jemand ein Faxgerät angeschlossen hatte.
   So auch Corinnas Scheidungsanwältin, die versuchte, Corinnas selbst verdientes Geld vor dem Zugriff ihres Ex-Mannes zu retten, der ihr jeden Pfennig nehmen würde, dessen er habhaft werden konnte.
   Regelmäßig informierte die Anwältin ihre Mandantin schriftlich über den Fortgang der Auseinandersetzung mit der gegnerischen Partei. Dies tat sie üblicherweise auf dem Postweg. Bis zu jenem Abend, an dem es eilig war, sie sofortige Antwort benötigte und der Eigentümer des Faxgeräts einer kleinen Nebeneinkunft ins Auge sehen durfte.
   Die vermittelnde Anwaltsgehilfin fand in den Akten der Frau F. zwei Telefonnummern. Von einer erklangen Faxgeräusche. Also beschloss sie, die Kopie des vierseitigen Papiers, das dem gegnerischen Anwalt Auskunft über Corinnas Finanzlage geben sollte, zu faxen. In dem Begleitschreiben an Corinna stand der folgenschwere Satz: "Versuchen Sie, vor Einreichen des Scheidungsantrags so viel wie möglich auszugeben, um die 30.000 DM ihres Sparguthabens für sich zu retten. Alles Weitere hat Zeit, bis ich aus dem Urlaub komme." Diese Nachricht sollte Corinna nie lesen.
   Das Faxgerät gehörte einem Mann, der im Milieu gute Kontakte aufweisen konnte. Er hatte nicht nur ein wachsames Auge auf die Damen in der Aphrodite-Bar, er erledigte auch sonst für Freunde kleine Aufträge.
   Manchmal, so wie jetzt, brauchte er allerdings selbst mal dringend Kohle. Er war ein Glückspilz, hatte erst einmal gesessen und kriegte nun in der Stunde der Not etwas gefaxt, was zwar nicht an ihn gerichtet war, ihn aber auf eine gute Idee brachte. Das Schreiben enthielt ein so genanntes Rechenwerk, das Auskunft über die Vermögenslage einer Frau F. gab. Aber offenbar hatten Anwältin und Mandantin da etwas getrickst, um dem Ex der Schnalle was von der Knete vorzuenthalten. Er überlegte. Wenn die Frau 30.000 Eier verschwinden lassen musste, schien es der ja nicht schlecht zu gehen, da war sicher in der Wohnung was zu holen. Die Adresse stand ja im Begleitbrief. Um sich Ärger zu ersparen, würde er die Alte erst mal ködern. War ja nicht schwer, wo doch der Name des Teilhabers der Scheidungsanwältin auch mit im Briefkopf stand.
   Er griff zum Telefon und sprach sein bestes Hochstapler-Deutsch: "Guten Abend Frau F., hier ist Wuttke, der Partner Ihrer Anwältin. Sie ist ja, wie Sie wissen, im Urlaub und hat mich gebeten, die Termine für Sie einzuhalten. Ich bräuchte da noch mal eine Unterschrift für eine Vollmacht von Ihnen."
   Corinna schöpfte keinen Verdacht, sie war Herrn Wuttke nie persönlich begegnet. "Oh, das ist schwierig, ich bin ab morgen auf Dienstreise", antwortete sie.
   "Da mache ich Ihnen ein Angebot. Ich sehe gerade, Sie wohnen ganz in meiner Nähe, da komme ich doch ganz einfach jetzt bei Ihnen vorbei, wenn es Ihnen passt und Sie nicht gerade Besuch haben."
   Nein, Besuch hatte sie nicht, sie wollte heute früh ins Bett. "Na, dann also bis gleich."
   Der falsche Herr Wuttke hatte eine Vorliebe für Markenklamotten und achtete stets auf gediegenes Outfit. Corinna hielt ihn tatsächlich für einen Anwalt, wenn auch für keinen, zu dem sie Vertrauen gehabt hätte. Sie ließ ihn ein. Dass er sich aufmerksam in ihrer Wohnung umsah, hielt sie für bloße Neugierde. Zeit für Misstrauen hatte sie nicht. Dass er, kaum im Wohnzimmer angekommen, ausholte und ihr einen Fausthieb versetzte, kriegte sie nur noch undeutlich mit.
   Sie fiel krachend gegen die Kante des flachen Heizkörpers, etwas Warmes rieselte ihr über den Nacken, ihr wurde schwarz vor Augen. Das Letzte, was sie denken konnte, war: Lebensrisiko ...
   Die Polizei, die Tags darauf die Wohnung inspizierte, fand selbige von allen Wertgegenständen befreit. Sie ließ die Leiche abtransportieren, die Spurensicherung tat ihre Arbeit. Ein Beamter räumte auch den Briefkasten aus. In der Post war unter anderem ein Scheck über 100 DM - von der WILDZEITUNG. Dass der Polizist damit den Schlüssel zur Lösung des Falls Corinna F. in den Händen hielt, wusste er nicht.