Reisen bedeutet für mich, mit offenen Sinnen wahrzunehmen, was anders ist als zu Hause. Darüber möchte ich schreiben.
Hier stelle ich Auszüge aus meinen Erinnerungen an St. Petersburg vor, wo ich von 2020 - 2023 gelebt und gearbeitet habe und die Veränderungen in der Gesellschaft aus nächster Nähe beobachten konnte. St. Petersburg steht für exzellente Theater- und Musikproduktionen, an denen ich teilhaben durfte. Über drei davon habe ich lange nachgedacht.
Am Newski-Prospekt gelegen, hinter einer gepflegten kleinen Parkanlage und einem massiven Denkmal Katharinas der Großen, umlagert von lauter gelangweilten bronzenen Repräsentanten ihrer Zeit, ist das Aleksandrinskij teatr nicht gleich zu sehen. Aufgeführt wurde etwas, wohin mich in Deutschland keine zehn Pferde freiwillig gebracht hätten: Das Stück „Mauser“ von Heiner Müller. Während des Studiums hatte ich mich durch „Traktor“ und „Zement“ gequält und dabei immer gefragt, warum darum so ein intellektueller Hype gemacht wurde. Lag es an Heiner Müllers Brille? Der leisen, bedeutungsschweren Redeweise? Der Lederjacke? War es meine eigene Dummheit, die mich die Größe nicht erkennen ließ? Damals nervte mich dieser plakative Sozialismuskram einfach nur.
Ich musste also erst nach St. Petersburg kommen, um mal ein Heiner-Müller-Stück zu sehen. Sprachlich war das kein Problem, da das Stück überwiegend aus Einheitsphrasen besteht, die mantraartig immer in etwas veränderter Anordnung und von wechselnden Personen gesprochen werden und die dank des sozialistischen Internationalismus allseits bekannt sind. Genau diese Wiederholungen jedoch sind ein genialer Trick, die Partei - wie auch immer sie gerade heißen mag - mit den eigenen Waffen zu schlagen.
Die Inszenierung war vom namhaften griechischen Regisseur Theodoros Tersopulos, angenehm werktreu, wie meistens bei den Russen, und noch angenehmer - ohne falsches Pathos und optischen Geltungsdrang. Ein schlichtes, aber nicht improvisiertes Bühnenbild, das den Schauspielern, denen sehr viel Körpersprache abverlangt wurde, gleichzeitig Raum und Rahmen bot.
Das Stück, eine Antwort auf Brechts „Maßnahme“, handelt, wie kann es anders sein, von einem linientreuen Revolutionär, der dem Befehl der Partei folgt und alle willig tötet, die zum Feind erklärt werden. Irgendwann findet er Gefallen an seinem blutigen Job. Darauf folgt eine Phase, in der das Menschliche durchbricht und er Mitleid empfindet mit den Opfern. In dem Moment verrät er quasi die Revolution, deren Werkzeug er sein soll und wird so selbst zum erklärten Feind. Es ist wie eine Kettenreaktion. Immer wieder kommen neue Henker, die dann zu Opfern werden, bis es am Ende sogar die Richterin (= Partei) trifft. Das Ganze dauerte 75 Minuten, in einem Spannungsbogen ohne Pause durchgezogen. In ihrer Schlichtheit, ohne einfallslos zu sein, war es eine tolle Inszenierung, gerade auch vor dem Hintergrund aktueller politischer Entwicklungen. Denn so ist ja leider auch das Leben: Immer die gleichen Parolen, die gleichen Mechanismen, die sinnlos Opfer fordern. Und irgendwann trifft es jeden. Gerade beobachten wir das wieder, nicht nur im neu entfachten Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan, in dem alte Feindbilder wiederbelebt werden, auch im deutsch-russischen Umgang.
Gestern waren wir im wunderbaren modernen Marinskij-Theater und haben die Tschaikowski-Oper „Mazepa“ nach dem Puschkin-Epos „Poltawa“ gesehen. Das war ja noch vor dem großen Tabubruch, die Krise spitzte sich aber schon bedenklich zu.
Die Story spielt in der Zeit des Schwedisch-Russischen Krieges und handelt von einem ukrainischen Hetman, der sich in die Tochter seines Kriegskumpels, einem Russen, verliebt. Sie liebt ihn auch, brennt mit ihm durch. Der Vater schwört Rache und schwafelt von Entehrung. Inzwischen schlagen ukrainische Freunde dem Hetman vor, die Chance zu nutzen und doch die Seiten im Krieg zu wechslen, von den Russen zu den Schweden, um dadurch die Unabhängigkeit zu erringen. Kommt uns das nicht irgenwie bekannt vor? Der Vater der jungen Frau kriegt davon Wind und verpetzt ihn bei Peter dem Großen. Der glaubt ihm aber nicht, weil er dem Hetman vertraut. Der Hetman wiederum hört vom Verrat des Schwiegervaters, ist wütend und lässt ihn einsperren. Die Schlüsselszene ist ein unbeschreiblich schönes Liebesduett zwischen dem Hetman, den das schlechte Gewissen gegenüber seiner Frau quält, und ihr. Er stellt ihr die Frage aller Fragen: Wen liebst du mehr, mich oder deinen Vater? Natürlich ihn. Daraufhin soll der Vater als Verräter hingerichtet werden. Die russische Mutter der jungen Frau bittet sie, bei Ihrem Mann Gnade zu erflehen. Doch dem hat der Hetman ja mit seiner Entscheidungsfrage schlau vorgebeugt. Also wird der Vater tatsächlich unter patriotischem Jubel hingerichtet. Dummerweise verlieren die Schweden und damit auch die ukrainischen Separatisten den Krieg gegen Russland. Der Hetman macht sich geschlagen auf die Suche nach seiner Frau und trifft sie in ihrem zerstörten Elternhaus, verelendet und geistig umnachtet wieder. Er will sie um Verzeihung bitten, aber sie erkennt ihn nicht, hält ihn für einen Wolf.
Ein unvergesslicher Abend. Die Russen sind ja in ihren Inszenierungen oft werktreu bis zur Langeweile. Und so ließ auch das eher märchenhaft-folkloristische Bühnenbild mit eindeutiger Tendenz zum Kitsch keine Theatersensation erwarten. Und doch war es eine. Der Funke sprang über, die Katharsis schlug zu, die Zähre rann. Die Musik wunderbar gespielt und gar nicht zuckrig, wie sonst gern bei Tschaikowski, unglaublich tolle Sänger, die es ohne alle Eitelkeit und Regie-Schnickschnack schafften, ihre Rollen und deren Konfliktpotential dem Zuschauer nahezubringen. Wir waren hinterher fix und fertig, hatten viel Gesprächsstoff und viel verstanden. Laut Sloterdijk lassen sich ja alle aktuellen Konflikte auf uralte historische Wurzeln zurückführen. Was zu beweisen war.
Ich komme schon wieder aus dem Theater, habe das Ballett „Spartakus“ von Khatchaturian gesehen. Getanzter Krieg. Sehr männlich, unglaublich ausdrucksstark, wunderbare Einheit aus Tanz und Musik auf höchstem künstlerischen Niveau. Mit einem grandiosen Schlussbild, bei dem einem das Blut in den Adern gefror: Spartakus‘ Geliebte auf dem Schlachtfeld, über ihr der gekreuzigte Spartakus, um sie herum Tote, und sie tanzt ihren Schmerz. Allmählich heben die Toten ihre Arme und winken ihr zu ... gruselig! Die Musik: vertontes Elend. Da blieb in unserer jetzigen Situation kein Auge trocken, von allen Seiten schniefte es. Dafür muss man die Russen einfach lieben.
Im Bolschoi wurde zu unserem Leidwesen kurzfristig das Programm geändert und ebenfalls "Spartakus" gezeigt, weil der Regisseur des anderen Balletts sich nicht mit der politischen Entwicklung einverstanden gezeigt hatte. Die Spartakus-Inszenierung war insofern interessant, als sie mir einen direkten Vergleich zur Petersburger Version bot, die ganz klar die bessere war. Hier zerstörten blondgelockte Römer den Frieden. Das war doch recht aufdringlich bei aller tänzerischen Akrobatik, die man so wohl nur an wenigen Orten der Welt sehen kann. Der Tiefgang der Petersburger Inszenierung fehlte.
Das Theater allein ist aber schon einen Besuch wert. Auffällig war der gigantische Seidenvorhang auf der Bühne. Sorokin hätte ihn nicht besser erfinden können: Gefertigt aus Kilometern chinesischer Seide enthielt er den doppelköpfigen Adler, den Schriftzug «Россия» in der Typographie von «СССР», darüber sowjetische Fanfaren, die eine lyrische Leier demonstrativ übertönen. Wer erfindet sowas in einem so schönen Haus? Das kriegen nur Funktionäre so hin.