Reisebilder Myanmar

Myanmar ist ein Land, das wir im Februar 2018 noch im Frieden bereist haben. Nur zweieinhalb Jahre später überrollte der Bürgerkrieg das Land. Als einfache Touristen erlebten wir Schönes und weniger Schönes. Schön waren die buddhistischen Pagoden in Harmonie mit der anmutigen Umgebung. Weniger schön waren Relikte der Kolonialzeit und eine von Umweltverschmutzung geprägte Landschaft. 

Auch hier war der Zustand der Kunst symptomatisch für den Zustand der Gesellschaft. Ein Besuch bei einem traditionellen Puppenspieler hat uns besonders berührt.


Der Puppenspieler Herr U-Htwe

Im Anschluss an einen opulenten Schmaus besuchten wir die Puppenspieler Herrn U-Htwe nebst Frau und Sohn, die in ihrer einfachen Wohnung versuchen, mit ihrer Kunst über die Runden zu kommen. Wir lernten, wie und woraus die Puppen gemacht werden, dass sie unter der Kleidung eindeutige Geschlechtsmerkmale und im Innern eine Seele haben. Der Puppenmeister erzählte über seine 1000 Jahre alte Kunst, die sich bis ins Detail so, wie wir sie sahen, erhalten hat. Die allgemeine Modernisierung hat jedoch in Myanmar dazu geführt, dass der weitgereiste und weltweit geschätzte Mann kaum noch Gelegenheit bekommt, sein Publikum zu erreichen. Wie er uns erzählte, sind von etwa 100 nur noch fünf Puppenspielerfamilien im ganzen Land übrig geblieben. Alle anderen wurden der Zunft untreu, weil sie sonst verhungert wären. Früher spielten sie ihre achtstündigen Epen bei den zahlreichen Pagodenfesten. Heute wird diese Art von Unterhaltung nicht mehr als Lockmittel gebraucht. Die Konkurrenz durch Kulturkonserven ist für den Veranstalter eben preiswerter. Soweit ich das verstanden habe, ist es in Myanmar üblich, dass der Veranstalter und nicht das Publikum verschiedener Events die Puppenspieler bezahlt. Daher ist die Zunft auf staatliche Unterstützung angewiesen, die aber ausbleibt, weil es für die Regierung derzeit wichtigere Dinge zu regeln gibt.

Die einzige Hoffnung von Herrn U-Htwe sind also die Touristen. Daher war es nicht verwunderlich, dass wir zunächst nur sehr wenig von der eigentlichen Kunst zu sehen bekamen. Schließlich sollten wir ja am Abend wiederkommen. Es brauchte nicht viel Überredung. Die Puppen sind wunderschön und bewegen sich mit einer unvergleichlichen Präzision und Grazie. Also fuhren wir noch einmal in das etwas außerhalb gelegene sehr einfache Sträßchen, in dem der Meister lebte und arbeitete. Er freute sich, uns wiederzusehen. Das Programm bestand aus leider sehr kurzen Schlüsselszenen traditioneller Stücke. Die lange Fassung will man Touris wie uns nicht zumuten. Auch die Beschäftigung mit den alten Epen über die früheren Leben Buddhas nicht. „To your confidence we will show you only short parts of the story.“ Schade. Von Story konnte eigentlich keine Rede mehr sein. Schön war es trotzdem, den bunten kleinen Gestalten beim Tanzen zuzusehen. Einige der Charaktere entsprachen interessanterweise genau denen, die wir in Südindien gesehen hatten. Sogar akrobatische Stunts wie die Zähmung eines Pferdes wurden geboten und eine Choreographie, die mit den berühmten Lipizzaner Hengsten der Wiener Hofburg mithalten konnte. 

Ich fragte den Meister, warum er denn nicht mit der Tradition einfach breche und die alten Stoffe der Lebenswelt der heutigen Generationen anpasse, um so neues Publikum zu erobern. Er meinte, die Regierung vor Aung San Suu Kyi habe Angst gehabt, jemand könne sie für eine Marionettenregierung halten und habe daher dem Puppenspiel den Garaus gemacht. Im Ausland könne er solche Versuche eher machen. Hier hätte ich nachfragen sollen - schade. 

Es scheint ein typisches Merkmal ostasiatischer Kunst zu sein, unter Einhaltung strenger Regeln Neues zu schaffen. Wir erinnerten uns an ein Gespräch mit Frau Dong, der chinesischen Pipa-Spielerin, die wir gefragt hatten, woher die asiatische Begeisterung für europäische klassische Musik komme. Sie meinte, dass die strengen Regeln besonders in der höfischen Kunst die Interpretationsmöglichkeiten schnell erschöpfen, und in der europäischen Musik gebe es eben eine große Vielfalt und Entwicklung, sodass auch die Interpreten immer wieder Neues finden könnten. Das möchte ich all denen mitteilen, die sich neuerdings wieder offen für kulturelle Reinhaltung einsetzen und Angst vor fremden Einflüssen haben: Nur die Begegnung mit dem Fremden, der kulturelle Kontakt, bringt Neues hervor, alles andere führt zu Stagnation und Verödung.