Puerta del Cielo - Himmelstor

"Puerta del Cielo" ist mein erstes Romanprojekt. Es ist eine Familiengeschichte, in der ich zu zeigen versuche, welch unterschiedliche Spuren das Leben in der DDR und die Wendezeit in den Biografien der Protagonist:innen hinterlassen haben. 

Ein Mann erhängt sich und hinterlässt vier erwachsene Kinder aus drei Beziehungen in Ost und West. Nach jeder Trennung bricht er alle Brücken hinter sich ab. Die vier Halbgeschwister lernen sich erst bei seiner Trauerfeier kennen und rätseln über die Gründe für den Freitod. Ihre Lebenswelten haben die vier sehr unterschiedlich geprägt. Besonders deutlich Enrico, der als junger Mann aus der DDR flüchtet und sich in Mexiko eine Existenz aufbaut. Sein schuldbewusstes Wiedersehen mit seiner Familie macht nicht nur ihm, sondern auch den anderen bewusst: Jede und jeder ist für die Gestaltung eines gelingenden Lebens selbst verantwortlich.


Eine smaragdgrüne Spinne suchte sich im feuchten Gras einen sicheren Platz und fand ihn auf Enriques Sandale. Von der Lagune wehte eine Brise den Hügel herauf und verstärkte den Erdgeruch, der aus dem Boden stieg. In unmittelbarer Nähe wiederholte ein Vogel ein ums andere Mal sein hoffnungsvolles Motiv.
  Enrique hatte gerade einer Gruppe von Touristen den Gebrauch eines Feldzirkels beim Pflanzen neuer Bäume gezeigt. Nun sah er zu, wie die Menschen sich abmühten, die Setzlinge gewissenhaft in gleichmäßigem Abstand zueinander in die Erde zu bringen.
  Unbeirrt vom Gewirr der Härchen auf seiner Haut kletterte die Spinne an Enriques Schienbein empor. Er spürte ein leises Kribbeln und wollte sie gerade abschütteln, als er die Zwillinge den Hügel hinaufrennen sah.
  „Du sollst ans Telefon kommen! Da ist jemand aus Deutschland dran. Die kann weder Englisch noch Spanisch.“
   Er zögerte, war mit einem Mal auf der Hut, wie ein Tier, das spürt, wenn Gefahr droht. Doch schließlich überließ er den Zwillingen die Aufsicht über Touristen und Setzlinge und lief, ohne Rücksicht auf die Gefühle der armen Spinne, nach unten zum kleinen Büro des Resorts. Pepita stand in der Tür und hielt ihm das Telefon entgegen.
  „Hallo?“, meldete er sich.
  „Enrico? Bist du das? Hier ist Nadine!“
  Andrenalin flutete seinen Körper. Die Spinne erreichte unbemerkt sein nacktes Knie.
  „Nadine?“
  „Deine Schwester, erinnerst du dich?“
  Die Spitze entging ihm nicht. „Das ist ja eine Überraschung! Woher rufst du denn an?“
  „Na, woher wohl, aus Rostock. – Du, unser Vati hat sich das Leben genommen.“
  Enrique rang nach Luft. „Was?“
  „Ja, wir haben es von unserer Halbschwester Theresa aus Kiel erfahren. Er hat noch mal geheiratet und zuletzt dort gewohnt. Sie meinte, du solltest herkommen. Er hat wohl Einiges hinterlassen.“
  Enrique schwieg.
  „Hallo? Bist du noch da?“, rief Nadine.
  „Ja. Entschuldige, das ist gerade ein bisschen viel auf nüchternen Magen.“
  „Auf nüchternen Magen? Wie spät ist es denn bei euch?“
  „Kurz vor halb neun.“
  „Huch, das sind ja sieben Stunden Zeitunterschied. Das war mir gar nicht klar. Kannst du denn kommen? Die Trauerfeier soll in zwei Wochen sein.“
  „Ja, mal sehen. Ich muss das erst mal verdauen und mit meiner Familie besprechen.“
  „Wir sind auch deine Familie“, erinnerte ihn Nadine etwas pikiert.
  „Ja, natürlich, entschuldige. Lass uns in den nächsten Tagen noch mal telefonieren und schick mir deine Kontaktdaten per E-Mail. Lebt denn die Mutti noch?“
  „Der geht es blendend, keine Sorge.“
  Enrique beeilte sich, das Gespräch zu beenden und ließ sich auf den Drehstuhl vor dem Schreibtisch sinken. Ihm brummte der Kopf. Die grüne Spinne nutzte die Gelegenheit, die Kante seines Hosenbeins zu erklimmen.
  „Wer war das?“, fragte Pepita erstaunt.
  „Meine Schwester aus Deutschland. Unser Vater ist tot.“
  Pepita trat zu ihm hin und strich ihm tröstend über den Kopf.
  „Keine Sorge, ich bin nicht traurig“, erklärte er bestimmt und erzählte ihr, was er erfahren hatte. „Ich habe überhaupt keine Lust, jetzt so viel Geld für einen Flug auszugeben.“
  Sie schüttelte missbilligend den Kopf: „Er ist dein Vater. Wer soll denn an seinem Grab stehen, wenn nicht die eigenen Kinder. Du musst fliegen.“
  „Aber ich kann dich doch nicht mit den Gästen allein lassen! Ich war seit dreißig Jahren nicht mehr in Deutschland. Aus guten Gründen.“
  „Ach komm, du kneifst einfach.“
  „Ja, ich kneife. Ich will nicht zurück. Das verstehst du nicht.“
  „Doch, das verstehe ich schon. Aber ich will keinen feigen Mann.“
  Enrique stand lachend auf: „Sondern?“
  Sie ließ sich von ihm in die Arme ziehen. „Einen mutigen caballero, der seiner Verantwortung nachkommt.“
  Er seufzte und fand die grüne Spinne in Pepitas schwarzem Haar. So etwas Schönes gab es in Deutschland nicht. Und damit meinte er sowohl seine Frau als auch die Spinne, deren filigrane Rückenzeichnung er jetzt erkennen konnte.
  Es war Mitte September, da wurde es in Deutschland ungemütlich. Hier, im Süden Mexikos hingegen, begann bald die Trockenzeit, die Sonne schien, und das Meer lud ein, darin die Zeit zu vergessen. Die Farbenpracht der Natur überwältigte Tag für Tag, egal wie lange man schon hier lebte.
  „In Deutschland gibt es keine Pelikane“, meinte er resigniert, „und wenn, leben sie mit gestutzten Flügeln im Zoo.“
  Pepita lachte und strich ihm mitfühlend durchs Haar: „Ach, du Armer! Das überstehst du schon!“
  Die grüne Spinne erholte sich von der Kletterpartie auf einer Locke an Pepitas Schläfe und leuchtete auf, als ein Sonnenstrahl sie traf.

[...]