Dies ist der Versuch, ein Jugendbuch über eine Generation zu schreiben, die durch Corona, soziale Netzwerke und enormen psychischen Druck durch Klimawandel und Kriegsgefahr in ihrer Entwicklung beeinflusst wird.
Wer kennt sie nicht, die Jungs, die in ihrer Freizeit vor dem Computer abhängen und im echten Leben nicht wissen, wie sie sich mitteilen sollen und können. Da erlebt so mancher auch mal eine soziale Entgleisung ...
Tag 1/7
Julian saß allein im Flur auf dem Fensterbrett, die Füße auf dem Heizkörper abgestellt, und wartete darauf, dass er endlich zum Schulleiter gerufen wurde. Was der von ihm wollte, wusste er nicht. Die anderen schrieben gerade eine Klassenarbeit in Chemie. Wenn er da aus dem Unterricht geholt wurde, musste es wichtig sein. Ob was mit seiner Ma war? Oder hatte irgendwer ein Video von ihm gemacht? Oder eins von seinen entdeckt? Scheiß-Challenge, darauf hatte er eigentlich gar keine Lust, aber wenn er dazugehören wollte, und das wollte er definitiv, blieb ihm nichts Anderes übrig.
Endlich ging die Tür vom Sekretariat auf, die Sekretärin, Frau Wiesner, winkte ihn zum Schulleiter durch und schloss hinter ihm die Tür.
Schulleiter Becker, ein älterer Mann mit wirrem weißen Haar, der auch Mathe unterrichtete, wies auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch, blätterte in irgendwelchen Papieren, die er vor sich hatte und blickte Julian urplötzlich scharf an. Ohne die kleinen Fältchen, die er sonst meistens um die Augen hatte.
„Ich nehme an, du weißt, warum du hier bist?“ fragte er streng.
„Nee“, antwortete Julian und hoffte, dass seine Stimme die Unsicherheit nicht offenbarte, die allmählich von ihm Besitz ergriff.
„Hm“, machte Becker, „ich geb dir noch ne Minute.“ Und sah wieder seine Papiere durch.
So eine Minute konnte ewig dauern. Als Julian es nicht mehr aushielt, schleuderte er dem Schulleiter „Keine Ahnung!“ entgegen.
„So, so. Dann will ich dir mal eine Erinnerungshilfe geben: Frau Reiche war bei mir.“
Julians Körper reagierte wie auf einen Faustschlag. In seinen Ohren tobte ein Sturm, seine Hände waren plötzlich eiskalt und zitterten so sehr, dass er sich draufsetzen musste. Wahrscheinlich war er knallrot. Oder grün. Oder abwechselnd beides. Jetzt lief ihm auch noch der Rotz aus der Nase. Er schniefte.
„Na siehst du, es klappt doch mit der Erinnerung“, sagte Herr Becker zufrieden und forderte dann: „Schau mich mal an!“
Julian sah mit gesenktem Kopf zu ihm auf.
„Ich weiß nicht, was zwischen dir und Nina vorgefallen ist. Das ist und bleibt privat. Aber du musst da was in Ordnung bringen. Wenn du das allein nicht schaffst, geh zur Vertrauenslehrerin oder zur Schulsozialarbeiterin und lass dir helfen. Heute ist der 08. April. Du hast eine Woche. Am 15. stehst du wieder bei mir auf der Matte. Alles klar?“
„Ja“, krächzte Julian und hätte um ein Haar den Stuhl umgeworfen, auf dem er gesessen hatte.
Wie ferngesteuert stakste er zum Chemiezimmer, riss die Tür auf, schnappte seinen Rucksack und rannte raus, bevor irgendwer was sagen konnte.
02.09.
Die Schule ist alt und hässlich. Nächstes Jahr soll sie saniert werden, haben sie gesagt. Na toll, das wird also laut und dreckig. Und wenn sie fertig sind mit Bauen, bin ich längst fertig mit der Schule. Warum mussten wir bloß in dieses Leipzig ziehen? Die Wohnung ist ja ok. Aber die Schule? Mama muss das ja nicht aushalten, Erik auch nicht. Die haben gut reden.
Ich sitze neben einer Emily, der nichts wichtiger ist als ihre Fingernägel. Ansonsten besteht die Klasse zur Hälfte aus Ausländern, ein paar Syrern, zwei Afghanen, zwei Mädchen aus Bosnien, einer Polin, die immer misstrauisch guckt und nichts sagt als „Ich verstehe nicht“. Ein paar von denen scheinen ganz ok zu sein. Die deutschen Mädels sind alle irgendwie anders komisch. Das wird nicht einfach. Die deutschen Jungs sind halt unreife laute Typen, die viel dummes Zeug reden, auf die Kacke hauen und sich mit den ausländischen Jungs anlegen. Die Lehrerinnen tun mir echt leid. Die müssen sich einiges anhören. Einer von den Deutschen hat sich heute in der Musikstunde die Achselhaare (hoffe ich!) abgeschnitten und einem der bosnischen Mädchen in den Halsausschnitt gekrümelt. Voll eklig! Da war was los. Das Mädchen hat sich gar nicht wieder eingekriegt. Wenn Blicke töten könnten, wär’s das für ihn gewesen! Die Jungs haben sich kaputt gelacht. Nur einem schien es ein bisschen peinlich zu sein. Er heißt Julian und ist vielleicht der Netteste unter den deutschen Jungs. Jedenfalls hat er ein echt süßes Lächeln.
Was bin ich eigentlich? Gehöre ich zu den Deutschen oder zu den Ausländern?
Julian holte sich auf dem Weg nach Hause noch einen Döner und traf dabei Feraz aus seiner Klasse, der im Nebenhaus wohnte.
„Eh, schwänzt du, Alter?“ fragte Feraz. Eigentlich ganz nett, aber Julian war nicht in der Stimmung für ein Gespräch.
„Lass mich in Ruhe“, murmelte er nur und bestellte die Füllung für seinen Döner. Nirgends schmeckte der besser als hier, in der Eisenbahnstraße. Die machten das Brot selber, das war so lecker. Wenn er nicht solche Probleme hätte, könnte er sich glatt auf das Essen freuen.
Feraz war eingeschnappt: „Eh, Mann hab ich dir was getan, oder was? Sei mal höflich, wenn ich mit dir rede!“ Und schon hatte er wieder dieses freche Grinsen im Gesicht, das sein Markenzeichen war.
Julian nahm seinen Döner in Empfang und wollte an Feraz vorbei. Der machte sich absichtlich breit und rempelte Julian an, dass der beinahe seinen Döner verloren hätte. Bevor er protestieren konnte, bellte der Dönermann beide an: „Eh, Jungs! Geht ihr beide!“
Feraz redete jetzt auf Arabisch weiter, was klang, als ob er sich beim Dönermann entschuldigen würde. Julian nutzte die Gelegenheit, um sich aus dem Staub zu machen. Zoff mit Feraz fehlte ihm jetzt gerade noch. Ohne die Anderen würde er da sowieso den Kürzeren ziehen.
Zu Hause angekommen, ließ er sich in den Fernsehsessel fallen und schloss die Augen. Ein Bildgewitter lief in seinem inneren Kino ab: Nina, die ihm zuwinkte, Marvin und Ben mit ihren Handys, die Frau mit gespreizten Beinen in der roten Unterwäsche, Nina weinend in ihrem Zimmer, der Schulleiter Becker, Ninas Mutter. Und so immer weiter, immer weiter. Er versuchte, sich auf seinen Döner zu konzentrieren und nicht zu kleckern, denn das gäbe wieder Ärger mit der Mutter. Das musste jetzt nicht auch noch sein.
Nina war seit letzter Woche und dem „Vorfall“ nicht wieder in der Schule gewesen. Er hatte sogar schon Sehnsucht nach ihr, wusste gar nicht, wohin er im Unterricht schauen sollte, wenn sie nicht auf ihrem Platz saß und schrieb, mit ihren langen blonden Haaren spielte, sich im Unterricht meldete und sich manchmal kurz zu ihm umdrehte, ein kleines Lächeln zu ihm schickte und dann wieder aufpasste. Sie war mit Abstand das hübscheste Mädchen in der Klasse, vielleicht sogar in der Schule. Vorausgesetzt, man stand auf Blonde. Nadira war ja auch hübsch, nur nicht so lieb und sanft, sondern eher auf Krawall gebürstet.
Nina hatte Julian von Anfang an gefallen, vom ersten Schultag an, als sie neu in die Klasse gekommen war. Ein bisschen schüchtern, mit leiser Stimme, aber schlau. Die steckte in Mathe alle Anderen aus der Klasse in den Sack. Er musste sie immerzu angucken, ob er wollte oder nicht, als könnte er sonst was verpassen. Fühlte sich leicht und frei, wenn er sie nur sah. Feraz wusste immer, wie er mit den Mädchen reden musste. Die standen alle auf ihn. Alle, außer vielleicht Nina. Die ignorierte ihn freundlich.
Feraz war, was Julians Oma einen Schlawiner genannt hätte: Er war durchtrainiert vom Taekwondo, hatte immer coole Sprüche drauf und ließ sich von keinem was gefallen. Sogar Ben und Marvin hatten Respekt vor ihm, obwohl der eine größer und der andere schwerer war. Dabei bluffte Feraz meistens gnadenlos. Aber alle kauften ihm alles ab. Er war der Anführer unter den arabischen Jungs der Schule. Ganz klar. Er wusste einfach immer, wie er mit den Leuten reden musste. Egal, ob Junge, Mädchen oder Lehrer. Beneidenswert. Julian wusste das nie. Wie oft schon hatte er genau das Falsche gesagt und neulich sogar getan. Er kam sich mindestens einmal pro Stunde vor wie ein Trottel.
Und das vorige Woche war sein persönlicher Idioten-Rekord gewesen. Würde Nina je wieder mit ihm reden? Wenn sie wieder zur Schule kam, was sollte er ihr sagen? Sollte er ihr eine Nachricht schreiben? Oder hingehen und sich entschuldigen? Eigentlich ja. Aber „eigentlich ja“ bedeutete eben eigentlich nein. Das schaffte er nicht, er würde sterben vor Scham.
Herr Becker hatte gesagt, er solle sich Hilfe holen. Aber wie?! Diese Vertrauenslehrerin kannte er nicht, die guckte zwar ganz freundlich, immer stand sie in der Hofpause mit ein paar Schülern da und quatschte, war aber mindestens fünfzig. Der konnte er unmöglich erzählen, dass er … Blieb noch Carola, die Sozialarbeiterin. Die fand er ja ganz cool, und gerade deshalb wollte er mit der auch nicht reden. Und Ben und Marvin, die würden bloß blöde Witze auf seine Kosten reißen, oder, noch schlimmer, auf Ninas. Das konnte er also auch knicken. Und Ma? Die würde ihn gleich für eine Fehlentwicklung halten und zum Psychologen schicken, in die Klapse einweisen lassen, der konnte er eine Beichte gleich gar nicht antun. Hoffentlich kamen die in der Schule nicht auf die Idee, sie zu einem Elterngespräch einzubestellen!
Vielleicht sollte er sich krank stellen und auch einfach wegbleiben. Tot stellen, fliehen oder kämpfen, hatte die Bio-Tante gesagt, mehr Alternativen gab es in der Tierwelt nicht. Dass er nicht tot war, würde seine Ma schon merken, da müsste er schon von einem Hochhaus springen oder so. Und das würde ihr das Herz brechen. Ging also auch nicht. Fliehen? Wohin? Blieb nur noch kämpfen. Nur war sein schlimmster Gegner er selbst.
08.09.
So, erste Woche geschafft. Alle Lehrer:innen zumindest mal gesehen. Für eine, die Geschichtslehrerin, sehe ich schwarz. Die werden sie fertig machen, denn sie kann sich kein bisschen durchsetzen und hat überhaupt keinen Plan. Marvin, so ein Fleischklotz von mindestens 100 Kilo, ist in einer Stunde dreimal aufs Klo gegangen und hat da wahrscheinlich eine geraucht oder auf dem Handy gezockt. „Ich hab was Falsches gegessen, Frau Beutel“, hat er gesagt, obwohl sie Beitel heißt. Und Feraz ganz laut: „Weil du nicht halal isst!“ Da hat Marvin sich vor Feraz aufgebaut und gefragt: „Wer hat denn dich gefragt, du Honk?“
„Frau Beitel, der hat Honk zu mir gesagt, darf ich dem bitte eine reinhaun? Der hat Honk zu mir gesagt! Das ist Diskriminierung! Der hat meine Ehre verletzt! Frau Beitel!“ Und so weiter und so weiter. Die Arme ist gar nicht zu Wort gekommen. Die Jungs haben sich bestens amüsiert. Ein paar der Mädchen auch. Nur Samira oder Nadira oder wie sie heißt und ihre Schwester wollten lieber Unterricht und riefen deshalb auch noch dazwischen. Schade um die schöne Zeit. Ich habe in der Zwischenzeit unser Haus in Hannover gezeichnet. Julian zeichnet übrigens auch. Immer wenn ich mich zu ihm umdrehe, guckt er mich an. Immer.